Kinder möchten frei sein wie ein Vogel

WESER KURIER, 11.09.2014

Doris de Cruz (Foto P.Stubbe)
Doris de Cruz (Foto P.Stubbe)
Jeden Monat kommen bis zu 100 neue Flüchtlinge in Bremen an und werden in provisorischen Notunterkünften untergebracht. In der Vahr finden bis zu 60 Personen Unterschlupf in der Turnhalle der Schule in der Bardowickstraße, die notdürftig in einzelne Räume aufgeteilt wurde. Für die dort lebenden Kinder gab es eine „friedensstiftende Ferienfreizeit“.

Die meisten Flüchtlinge, die in der Übergangsunterkunft in der Bardowickstraße leben, stammen aus Syrien, Serbien, Montenegro und Bulgarien und bleiben oft nur wenige Monate, ehe sie in ein anderes Flüchtlingswohnheim verlegt werden. Das ist besonders für die Kinder schwierig, die sich immer wieder an neue Umgebungen gewöhnen müssen.Um für sie und auch ihre Eltern eine Atmosphäre der Geborgenheit zu schaffen, startete Doris de Cruz am 1. September die „friedenstiftende Ferienfreizeit“ in der Bardowickstraße, sowie im Friedensgarten in der Tannenbergstraße 3 in der Vahr. Sie will den Kindern bewusst machen, was Frieden ist, will, dass sie „Frieden lernen“.

Doris de Cruz zeigte den Kindern durch Meditationen, wie sie in sich gehen und auf sich selbst hören können, und führte sie spielerisch an die gewaltfreie Kommunikation heran. Hierfür nahm sie zwei Handpuppen, einen Wolf und eine Giraffe, zur Hilfe. „Wir sprechen meistens wie der Wolf – voller Vorwurf, Voreingenommenheit und oft beurteilend“, erklärt sie. Die Giraffe sehe alles aus einer anderen Perspektive, wobei besonders die Selbstempathie eine große Rolle spiele. Um zu zeigen, wie man auch friedlich miteinander reden kann, hat de Cruz Dosentelefone gebastelt, die durch Schnüre miteinander verbunden sind. Haris, Mario und Rikardo aus Albanien und dem Kosovo waren davon besonders begeistert.

Während der Spiele fragte de Cruz die Kinder auch immer wieder: „Was kann man tun, um sich wohlzufühlen?“ oder: „Was ist, wenn Frieden ist?“. Viele der Kinder antworteten, dass sie sich im Frieden nicht sorgen müssten, sondern leben könnten wie die Vögel – einfach frei. Um sich weiter mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, malten die Flüchtlingskinder aller Altersgruppen Friedenstauben, Apfelbäume für den Frieden oder „die Straße des Friedens“ aus vielen kleinen Füßen. „Die Übungen waren dazu da, zu zeigen, dass wir aufeinander zugehen müssen, versuchen müssen, miteinander zu reden“, erklärt de Cruz.

Bei der gewaltfreien Kommunikation gehe es vor allem darum, zu lernen, mit seiner Wut umzugehen, sie zu verstehen aber sich auch seiner Bedürfnisse bewusst zu werden. „Wir haben hier diesbezüglich schon einiges geschafft“, freut sich Doris de Cruz. „Wenn es Streit gibt, wird erst kurz durchgeatmet und bis zehn gezählt, das hilft dann schon sehr.“

Trotz der Altersunterschiede und der Sprachbarrieren konnten sich sowohl Kinder als auch Eltern gut verständigen. Auch wenn sich viele der Kinder nicht trauten, viel zu sprechen, konnten sie die Freizeitleiterin doch verstehen oder halfen sich gegenseitig bei der Übersetzung. Der zehnjährige Aleksandar aus Serbien versteht schon fast alles, was Doris de Cruz sagt. Er hat eine Friedenstaube, die den Bremer Schlüssel trägt, gemalt.

Das Miteinander war Doris de Cruz besonders wichtig, weswegen sie gerne Kinder aller Altersgruppen in die Ferienfreizeitgruppe aufnahm. „Zuerst wollte ich das eigentlich nur mit Grundschulkindern machen, aber das war gar nicht möglich. So ist es jetzt eher ein offenes Haus für alle und das ist ja auch eigentlich genau das, was ich mir gewünscht hatte“, freut sie sich.

Draußen, im Vorgarten der Schule wurde an guten Tagen eine Hängematte aufgehängt, in der die Kinder, manchmal sogar alle auf einmal, liegen, schaukeln und zu sich kommen konnten. Zusammen mit Eltern und Kindern wurden Kräuter aus dem Schulgarten genau unter die Lupe genommen und zum gemeinsamen Kochen verwendet. „Man merkt, wie stolz sie sind und wie sie immer mehr auftauen und sich geborgen fühlen, wenn sie etwas selber machen dürfen“, sagt de Cruz. Um dieses Gefühl zu stärken, ging Pädagogin Annette Siegert mit den Kindern auf das NABU-Gelände im Vahrer Feldweg zum Nistkästenbauen und Stockbrotrösten am Lagerfeuer.

Wie wichtig Geborgenheit und Vertrautheit für die Kinder sind, zeigte sich bei einem Ausflug in den Friedensgarten. Nur drei Kinder trauten sich, die gewohnten Räume zu verlassen und mit Doris de Cruz zusammen in den Bus zu steigen – die anderen drehten wieder um, sie hatten Angst.
Katharina Delling, WESER KURIER, 11.09.2014

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